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Systemische Paartherapie: Viele neue Perspektiven

Paare suchen meistens nicht beim ersten Konflikt Unterstützung. Oft haben beide schon viel versucht. Sie haben miteinander gesprochen, Dinge erklärt, sich vorgenommen, anders zu reagieren oder ein schwieriges Thema eine Zeit lang ruhen zu lassen.

Trotzdem kehren manche Konflikte immer wieder zurück. Das kann müde machen. Mit der Zeit wird es schwerer, dem anderen ruhig zuzuhören oder die Situation aus seiner Sicht zu betrachten.

Die systemische Paartherapie bietet einen Rahmen, in dem die gemeinsame Situation noch einmal genauer angesehen und geordnet werden kann. Es geht dabei nicht zuerst um die Frage, wer recht hat oder wer sich ändern muss. Im Mittelpunkt steht die Beziehung mit ihren unterschiedlichen Perspektiven, ihrem Umfeld, ihren Belastungen und ihren vorhandenen Stärken.

Was zeigt die systemische Beziehungskarte?

In der Mitte des Schaubildes stehen die Anliegen beider Partner. Darum herum liegen verschiedene Bereiche, die für das Verständnis einer Beziehung wichtig sein können:

  • die persönliche Sicht beider Partner
  • der Lebenskontext und frühere Erfahrungen
  • das gegenseitige Zusammenspiel
  • vorhandene Stärken, Ressourcen und hilfreiche Ausnahmen
  • die gewünschte Zukunft

Die Linien zeigen, dass diese Bereiche miteinander verbunden sind. Es gibt dabei keine vorgeschriebene Reihenfolge. Je nach Paar und Situation können unterschiedliche Bereiche zuerst wichtiger sein.

Die Beziehungskarte ist kein Test. Sie bewertet nicht, ob eine Partnerschaft gut oder schlecht ist. Sie hilft dabei, die gemeinsame Situation etwas vollständiger zu betrachten.

Unsere Anliegen

Zu Beginn einer Paartherapie wird geklärt, was beide Partner beschäftigt und was sich verändern soll.

Diese Anliegen müssen nicht gleich sein. Eine Person wünscht sich vielleicht mehr Nähe und gemeinsame Zeit. Die andere möchte vor allem, dass Gespräche ruhiger werden. Manchmal möchte ein Partner an der Beziehung festhalten, während der andere noch unsicher ist.

Solche Unterschiede dürfen erstmal bestehen bleiben. Es wäre oft wenig hilfreich, zu früh ein gemeinsames Ziel zu verlangen, das sich für einen von beiden nicht ehrlich anfühlt.

In der Therapie wird deshalb besprochen, was jeder Partner braucht, damit es sich besser anfühlt, und woran eine positive Veränderung zu erkennen wäre. Daraus können nach und nach Ziele entstehen, mit denen beide arbeiten können.

Meine Perspektive und deine Perspektive

Jeder Mensch erlebt eine Beziehung aus seiner eigenen Sicht. Dabei spielen Gefühle, Erwartungen, Erinnerungen und persönliche Bedeutungen eine Rolle.

Ein Satz kann für denjenigen, der ihn sagt, ganz anders gemeint sein, als er beim anderen ankommt. Eine Nachfrage soll vielleicht Interesse ausdrücken, wird aber als Kontrolle erlebt. Ein Rückzug soll einen Streit beruhigen, wirkt auf den anderen jedoch wie Ablehnung.

In der Paartherapie bekommen beide Sichtweisen Raum. Niemand muss die eigene Erfahrung aufgeben, damit die Erfahrung des anderen gelten darf.

Es geht auch nicht darum, sich auf eine einzige richtige Version zu einigen. Zuerst soll verständlicher werden, wie beide die Situation erleben und weshalb bestimmte Reaktionen für sie naheliegend sind.

Dieses Verstehen entschuldigt nicht jedes Verhalten. Es kann aber helfen, weniger schnell Absicht oder Gleichgültigkeit zu unterstellen.

Kontext und Prägungen

Eine Beziehung wird von vielen äußeren Umständen beeinflusst. Dazu gehören zum Beispiel Arbeit, Kinder, finanzielle Belastungen, gesundheitliche Probleme oder die Pflege von Angehörigen.

Auch Veränderungen im Leben wirken sich auf eine Partnerschaft aus. Die Geburt eines Kindes, ein Umzug, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder der Auszug erwachsener Kinder können das bisherige Gleichgewicht verändern.

Daneben bringt jeder Partner eigene Erfahrungen aus früheren Beziehungen und aus der Herkunftsfamilie mit. Manche Menschen haben gelernt, Schwierigkeiten sofort anzusprechen. Andere brauchen Zeit und Abstand, bevor sie über ein belastendes Thema reden können.

Diese Prägungen legen nicht fest, wie jemand handeln muss. Sie helfen aber dabei, bestimmte Empfindlichkeiten und Reaktionen besser einzuordnen.

Der Blick auf den Kontext kann entlasten. Er lässt einen leichter verstehen, dass Beziehungsprobleme selten nur mit einer einzelnen Eigenschaft eines Partners zu tun haben.

Unser Zusammenspiel

In einer Partnerschaft reagieren beide Menschen permanent aufeinander. Dabei entsteht ein Zusammenspiel, das mit der Zeit immer etwas schwieriger zu verändern werden kann.

Wenn sich eine Person nicht gehört fühlt, spricht sie vielleicht lauter und kritischer. Der andere erlebt den stärkeren Ton als Druck und zieht sich zurück. Dieser Rückzug verstärkt wiederum bei der ersten Person das Gefühl, nicht wichtig zu sein.

In der systemischen Paartherapie wird dieses Zusammenspiel gemeinsam betrachtet. Dabei geht es nicht um eine gleichmäßige Verteilung von Schuld. Verantwortung wird nicht verwischt. Verletzendes Verhalten und Grenzüberschreitungen werden klar benannt.

Gleichzeitig wird untersucht, an welchen Stellen ein festgewordenes Muster unterbrochen werden kann. Oft muss dafür nicht sofort die gesamte Beziehung verändert werden. Manchmal reicht erstmal eine kleine andere Reaktion an einer entscheidenden Stelle.

Ressourcen und Ausnahmen

Wenn eine Beziehung stark belastet ist, nehmen die Schwierigkeiten viel Raum ein. Das, was noch funktioniert, wird dann leicht übersehen.

Deshalb wird in der systemischen Paartherapie auch nach positiven Ausnahmen gefragt:

Wann gelingt es Ihnen, ein schwieriges Thema ruhiger zu besprechen? In welchen Situationen fühlen Sie sich noch miteinander verbunden? Was hilft Ihnen, nach einem Streit wieder aufeinander zuzugehen? Welche Belastungen haben Sie in der Vergangenheit gemeinsam bewältigt?

Diese Fragen sollen Probleme nicht kleinreden. Sie zeigen, welche Fähigkeiten und Erfahrungen bereits vorhanden sind.

Eine Ausnahme kann einen wichtigen Hinweis geben. Wenn etwas gelegentlich besser gelingt, lässt sich genauer untersuchen, was in dieser Situation anders war. Daran kann die weitere Arbeit anknüpfen.

Die gewünschte Zukunft

Neben der aktuellen Belastung richtet sich der Blick auf die Frage, wie die Beziehung stattdessen aussehen soll.

Allgemeine Wünsche wie „Wir möchten besser miteinander reden“ sind ein guter Anfang. Für die gemeinsame Arbeit sollten sie möglichst konkret werden.

Was würde sich in einem Gespräch verändern? Woran würde Ihr Partner merken, dass Sie sich sicherer oder ernst genommen fühlen? Wie würden Sie mit unterschiedlichen Meinungen umgehen? Was wäre im Alltag ein kleines Zeichen dafür, dass sich etwas verbessert?

Es geht nicht um ein vollkommenes Bild der Beziehung. Unterschiede und Konflikte gehören weiterhin dazu. Wichtig ist, einen Umgang damit zu finden, der für beide respektvoll und tragbar ist.

Auch die Zukunftsvorstellungen der Partner können erstmal verschieden sein. Die Paartherapie bietet dann Raum, diese Unterschiede in Ruhe anzusehen.

Kleine Schritte im Alltag

Erkenntnisse aus einem Gespräch werden besonders hilfreich, wenn sie im Alltag ausprobiert werden können.

Ein kleiner Schritt kann zum Beispiel darin bestehen, einen Streit rechtzeitig zu unterbrechen und einen festen Zeitpunkt für die Fortsetzung zu vereinbaren. Ein Paar kann ausprobieren, schwierige Themen nicht spät am Abend anzusprechen. Eine Person kann versuchen, das eigene Gefühl zu benennen, bevor sie das Verhalten des anderen bewertet.

Solche Schritte werden nicht für jedes Paar gleich aussehen. Sie sollten zur jeweiligen Situation passen und von beiden mitgetragen werden.

Anschließend wird besprochen, was geholfen hat und was verändert werden muss. Nicht jeder Versuch funktioniert sofort. Auch daraus lässt sich etwas über die Beziehung lernen.

Was passiert in der Paartherapie?

Die Paartherapeutin oder der Paartherapeut entscheidet nicht, welcher Partner recht hat. Die Aufgabe besteht darin, das Gespräch so zu führen, dass beide ihre Sicht darstellen können und einander wieder besser verstehen.

Wenn ein Gespräch zu schnell oder zu angespannt wird, kann es verlangsamt werden. Vorwürfe werden genauer betrachtet. Aus allgemeinen Aussagen werden möglichst konkrete Erfahrungen, Gefühle und Wünsche.

Dabei wird immer wieder geprüft, ob die besprochenen Ziele für beide noch stimmen und ob die Sitzungen als hilfreich erlebt werden.

Im ersten Gespräch muss nicht die gesamte Geschichte der Beziehung erzählt werden. Zuerst geht es darum, die aktuelle Situation, die Anliegen und die Erwartungen an eine Paartherapie kennenzulernen.

Muss das gemeinsame Ziel schon feststehen?

Manche Paare kommen mit dem klaren Wunsch, ihre Beziehung zu erhalten. Andere möchten zuerst herausfinden, ob und wie es gemeinsam weitergehen kann.

Beides kann ein Anlass für Paartherapie sein.

Sie müssen zu Beginn noch keine endgültige Entscheidung getroffen haben. Ein erstes Ziel kann darin bestehen, die eigene Situation klarer zu sehen, wieder miteinander sprechen zu können und Entscheidungen nicht ausschließlich aus einem akuten Konflikt heraus zu treffen.

Ein erster Schritt

Wenn Sie sich in einigen Punkten wiedererkennen, müssen Sie Ihr Anliegen noch nicht vollständig erklären können.

In einem Erstgespräch kann gemeinsam geklärt werden, was Sie zurzeit belastet, welche Veränderung Sie sich wünschen und ob eine systemische Paartherapie zu Ihrer Situation passt.